Beiträge

Depressionsbarometer 2021: Unternehmen als Ort der Volkskrankheit Depression

Etwa zwanzig Prozent der deutschen Arbeitnehmer*innen leiden oder litten bereits an einer Depression. Die mittlerweile fünfte Ausgabe des Deutschland-Barometers Depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe untersucht in einer repräsentativen Befragung Einstellungen und Erfahrungen zur Depression in der Bevölkerung. Darin zeigt sich insbesondere die Rolle von Unternehmen: so werden Belastungen am Arbeitsplatz oder Konflikte im Job als wichtigste Ursache für die Erkrankung angesehen, während die erblichen und biologischen Komponenten wenig bekannt sind.

Im Gegenteil kann der Arbeitsplatz eine wichtige Stütze sein: so spricht zwar die Mehrheit der erkrankten Beschäftigten im Job nicht darüber, diejenigen, die es tun, machen aber zum Großteil positive Erfahrungen. Werden mögliche Anlaufstellen innerhalb der Organisation – beispielsweise Betriebsärzt*innen, Betriebsrat oder Sozialberatung) in Anspruch genommen, sind 74 Prozent damit sehr zufrieden. Im Gegensatz dazu fühlt sich allerdings auch etwa ein Viertel der betroffenen Beschäftigten auf ihre Erkrankung reduziert.

Angesichts der Häufigkeit und Verbreitung der Krankheit bei gleichzeitig vergleichsweise wenig Wissen in der Bevölkerung empfiehlt Prof. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Unternehmen dringend den Aufbau von Basiswissen und Handlungskompetenz zu Depression und auch Suizidprävention: „Depression ist eine häufige und schwere Krankheit. Statistisch gesehen gibt es in nahezu jedem Unternehmen depressiv erkrankte Mitarbeiter. Arbeitgeber können viel dazu beitragen, dass betroffene Beschäftigte rascher in eine professionelle Behandlung kommen. Dadurch können neben großen Leid auch Kosten vermieden werden.“ Zudem weist Hegerl auf die wichtigen Fähigkeiten der Betroffenen hin, die im gesunden Zustand oft Leistungsträger der Unternehmen seien: „Sie reagieren mit großer Dankbarkeit, wenn sie von Seiten des Unternehmens auf verständnisvolle und sachgerechte Reaktionen stoßen.“

Angesichts dessen, dass bereits 15 Prozent der Mitarbeiter*innen einen Suizid- oder Suizidversuch im Kolleg*innenkreis erlebt haben, sind Schulungen von Personalverantwortlichen und Führungskräften ein wichtiger Schritt zu einer offenen Unternehmenskultur, in der Betroffene sich sicher fühlen können. Auch neue Ansätze wie Peer-Beratungen, bei denen Beschäftigte mit Depressionserfahrung niederschwellige Beratung für ihre Kolleg*innen anbieten, fördern ein offenes Verhältnis und damit die Gewissheit, Ansprechpartner*innen auch für solche schwierigen Themen zu haben.

Hier geht’s zur Pressemitteilung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe »

Hier finden Sie mehr Informationen und Hilfsangebote zum Thema Depression »

Prävention vor Kuration – Herausforderungen für das Betriebliche Gesundheitsmanagement

Die weltweite Corona-Krise zeigt, wie wenig wir auf eine massenhafte Verbreitung potenziell tödlicher Viren vorbereitet sind. Auch wenn es gelingt, die aktuelle Pandemie zu kontrollieren, bleibt die Frage: Tun wir genug zur Prävention d.h. Früherkennung und Verhütung der nächsten? Ist Kuration alternativlos? Ist es nicht humaner und effizienter, Gesundheitsgefahren schneller zu erkennen und zu erkämpfen?

In der Corona-Pandemie stehen Leben und Gesundheit großer Teile der Gesellschaft auf dem Spiel. Nicht übersehen sollten wir jedoch, dass wir bereits von einer Epidemie ganz anderer Art betroffen sind: dem langjährig beobachtbaren Anstieg psychisch bedingter Arbeitsunfähigkeit und den damit verbundenen enormen Folgekosten für Unternehmen, Versorgungseinrichtungen und die Sozialversicherung.

Prävention gesundheitlicher Gefährdungen schützt die Beschäftigten und stützt die Unternehmen. Voraussetzung dafür ist ein datenbasiertes BGM, das aussagekräftige Kennzahlen liefert über den Gesundheitszustand einzelner Arbeitsbereiche, ganzer Organisationen oder Branchen und dabei interdisziplinär vorgeht – zur frühzeitigen Identifizierung von Risiken und Entwicklung gezielter gesundheitsförderlicher Projekte. 

Auf unserer diesjährigen BGM-Fachtagung möchten wir diese Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven und mit Blick auf verschiedene Branchen gemeinsam mit Ihnen und ausgewiesenen Fachreferent*innen diskutieren.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? dann freuen wir uns, Sie am 25. November 2021 bei der Online-Veranstaltung zu begrüßen.

Anmeldung zur Online-Veranstaltung (Zoom) unter:

www.bgm-bielefeld.de/bgm-fachtagung

Tagungsbeitrag: 185 Euro
155 Euro für Teilnehmer*innen der Weiterbildungsprogramme „Betriebliches Gesundheitsmanagement“

Programm

10.00 Uhr

Begrüßung und Eröffnung der Fachtagung

Dr. Uta Walter, Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung an der Universität Bielefeld e.V.

10.15 Uhr

Key-Note: Nachhaltige Unternehmensführung und Reporting nichtfinanzieller Kennzahlen

Prof. Dr. Bernhard Badura, Universität Bielefeld

11.00 Uhr

Kaffepause

  • Gelegenheit zum Austauschen und Netzwerken
  • Aktive Pause

11.15 Uhr

Parallele Workshops (s.u.)

13.00 Uhr

Mittagspause

14.00 Uhr

Parallele Workshops (s. u.)

15.45 Uhr

Kaffepause

  • Gelegenheit zum Austauschen und Netzwerken
  • Aktive Pause

16.15 Uhr

Key-Note: Prävention vor Kuration – Gesundheitsberichterstattung am Beispiel des bremischen öffentlichen Dienstes

Michael Gröne, Senator für Finanzen, Bremen

17.15 Uhr

Zusammenfassung und Abschluss

17.30 Uhr

Ende der Fachtagung

Parallele Workshops

Vormittag

Workshop 1

Gesundheit im Unternehmen präventiv und organisationsweit gestalten – Erfahrungen aus dem Bankensektor

Martina Kohrig, Sparkasse Vest, Recklinghausen

Workshop 2

Pflege.Kräfte.Stärken: Qualitätsgesicherte Ansätze für BGF und BGM in der Pflege

Werner Winter, AOK-Bundesverband, Berlin

Nachmittag

Workshop 3

Corona und die Folgen für BGM: Erkenntnisse einer qualitativen Studie

Dr. Uta Walter und Julia Rotzoll, Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung an der Universität Bielefeld e.V.

Workshop 4

Warum alle wollen und zu wenig passiert: Standards und Erfolgsfaktoren für wirksame Routinen im BGM

Dr. Sabine Meier (Health at Work( und Sascha Gutmann (Techniker Krankenkasse), Netzwerk Gesunde Betriebe OWL, Bielefeld

Studie der IKK classic zur Wirkung von Diskriminierung und Vorurteilen

Vorurteile und Diskriminierungen sind ein großes gesellschaftlichen Problem – und ein medizinisches: Sie können zu psychischer Belastung führen, zu Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstzweifeln und daher auch zu Ängsten oder Depressionen. Schlafstörungen, Migräne oder Essstörungen sind ebenfalls verbreitete Folgeerscheinungen.

Das rheingold Insitut hat im Auftrag der IKK classic eine Grundlagenstudie verfasst, die die Entstehung und Verbreitung von Vorurteilen und ihre Folgen untersucht und erstmals den direkten Zusammenhang zwischen Diskriminierungserfahrungen und den Auswirkungen auf die Gesundheit aufzeigt. Auf dieser Basis will die Krankenkasse ihr langfristiges Engagement für einen wertschätzenden gesellschaftlichen Umgang miteinander stärken. Außerdem sollen Menschen, Medien und Unternehmen aufgeklärt und sensibilisiert werden.

Denn das Problem ist allgegenwärtig: So sind oder waren rund 60 Prozent der Menschen in Deutschland bereits von Diskriminierung oder Vorurteilen betroffen. Dabei weisen die Studienautoren darauf hin, dass Vorurteile selbst ein natürlicher psychischer Prozess sind und uns helfen, unsere komplexe Umwelt in Kategorien zu sortieren und somit schneller reagieren zu können. Diese „Schubladen“ werden jedoch schnell unflexibel und erzeugen generalisierte Bilder von Menschen, die wir bestimmten Gruppen zuordnen und entsprechend behandeln – eine Grundlage für diskriminierendes Verhalten. Während offene Anfeindungen seit den 1980er Jahren seltener geworden sind, nehmen subtilere Formen und Mobbing zu. Hier ist besonders die Veränderung der Kommunikation durch die sozialen Medien zu nennen, die als „enthemmte“ Räume Gelegenheit auch zu anonymen Handlungen bieten. Die Problematik von Vorurteilen und Diskriminierung ist den Befragten der Studie bewusst, wie die folgende Grafik zeigt:

© IKK classic

Die Verbreitung von Vorurteilen wird jedoch deutlich unterschätzt. So werden sie zwar bei der Hälfte aller Menschen vermutet, ein Fünftel der Befragten geht aber davon aus, dass weniger als 50 Prozent Vorurteile haben. Dabei geben durchschnittlich 40 Prozent an, gelegentlich vorurteilsbedingt zu handeln.

© IKK classic

Dabei haben selbst Betroffene häufig Schwierigkeiten, Diskriminierungen als solche zu erkennen. Bei offensichtlichen Handlungen wie Belästigung oder Körperverletzung oder Kontaktabbrüchen ist die Einordnung noch leicht, Benachteiligung bei der Job- oder Wohnungssuche oder sogenannte Mikroaggressionen führen dagegen oft zu großer Unsicherheit in der Wahrnehmung. Gerade letztere werden aber besonders häufig erlebt:

© IKK classic

Unsicherheit, Irritation, Scham und Hilflosigkeit sind oft die ersten Reaktionen auf das Erlebte. Die Fremdbestimmung durch die Reduzierung auf bestimmte Merkmale oder Zugehörigkeiten kann dann zu Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstzweifeln führen, die in einer Angstspirale enden und die zwischenmenschliche Interaktion langfristig prägen. Schwächere Formen von Diskriminierung führen häufig auch zu Wut und Ungerechtigkeitsempfinden bei den Betroffenen, stärkere rufen eher Gefühle von Demütigung, Ausgrenzung und Entsetzen hervor. Positive Entwicklungen sind selten, auch wenn gerade Ältere und Menschen mit Migrationshintergrund in der Studie angeben, durch das Erlebte „abgehärtet“ zu sein. Verdrängung und längerfristiges Vermeidungsverhalten in Bezug auf bestimmte Situationen oder Menschen prägen anschließend mehrheitlich den Umgang mit dem Erlebten.

© IKK classic

„Diskriminierung führt zu Rückzug führt zu Isolation führt zu Depression“ – diese Zwischenüberschrift der Studie spiegelt sich in den Ergebnissen wieder. So sind Menschen, die unter Diskriminierung leiden, zweieinhalb mal so oft von Depressionen betroffen wie Nicht-diskriminierte. Angststörungen kommen sogar 2,8-mal so häufig vor, Zusammenbrüche oder Burn-out gar 3,4-mal. Verständlicherweise folgt daraus oft ein grundsätzliches Krankheitsgefühl, die Lebenszufriedenheit und –qualität sinkt.

© IKK classic

Wie kann in dieser Situation neuer Halt, neue Stärke gefunden werden? Die Befragten nennen vor allem Partner, Familie und Freunde, aber auch die eigene Kraft – Selbstbehauptungswille, Durchsetzungskraft oder eigene Erfolge – sind eine wichtige Ressource. Zudem spielen Vorbilder sowohl im realen Leben als auch in den Medien eine Rolle, die auch beim Abbau von Vorurteilen helfen können: Sichtbare Diversität erweitert den Horizont dessen, was als „normal“ und als „fremd“ empfunden wird und regt zu Perspektivwechseln an. Im Sozialleben ist der Kontakt zu Menschen einer sozialen Gruppe, der wir mit Vorurteilen begegnen, der stärkste Hebel im Kampf gegen Vorurteile: Das Verfolgen gemeinsamer Ziele, beispielsweise in gemischten Arbeitsteams und mit entsprechender Unterstützung, stärkt diesen Effekt zusätzlich.

Die Ergebnisse dieser Studie sollen der Startschuss für ein langfristiges Engagement der IKK classic gegen Vorurteile und Diskriminierung sein. Dazu gehören neben den Maßnahmen, die bereits jetzt für Betroffene angeboten werden – wie eine 24 Stunden-Hotline oder die Unterstützung bei der Therapeutensuche – die gesellschaftliche Sensibilisierung und die Entwicklung weiterer Maßnahmen. Denn es sollen nicht nur die Symptome, sondern vor allem die Ursachen bekämpft werden – damit es uns allen gemeinsam besser geht.

Die gesamte Grundlagenstudie des rheingold Instituts im Auftrag der IKK classic finden Sie hier:

www.ikk-classic.de/gesund-machen/vorurteile-machen-krank

Geringer Krankenstand – hohe psychische Belastung: Gesundheitsreport 2021 der Techniker Krankenkasse nach einem Jahr Corona-Pandemie

Mehr als ein Jahr hat die Corona-Pandemie Deutschland schon im Griff und beeinflusst maßgeblich das Leben der Bevölkerung. Auch wenn inzwischen wieder viele Einschränkungen des öffentlichen Lebens aufgehoben wurden, zeigt der Gesundheitsreport 2021 der Techniker Krankenkasse», dass der Dauerlockdown bei den Menschen Spuren hinterlassen hat.

Für die Ergebnisse des Gesundheitsreports wurden die Arzneimittelverordnungen und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen von 5,4 Millionen erwerbstätigen Versicherten ausgewertet. Zudem wurden die Ergebnisse einer bundesweiten bevölkerungsrepräsentativen Befragung des Meinungsforschungsinstitut Forsa, welche 1.000 Menschen im Mai 2020 und März 2021 telefonisch zu ihrer Belastung durch Corona befragt haben, mit in die Auswertung einbezogen.

Im März dieses Jahres fühlten sich demnach 42 Prozent der Bevölkerung in Deutschland stark oder sogar sehr stark von der Corona-Situation belastet. Ein Jahr zuvor bei der Befragung im Mai 2020 waren es noch 35 Prozent.  Auffällig ist, dass sich vor allem die Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen überproportional mehr durch die Corona-Pandemie belastet fühlten als die durchschnittliche Bevölkerung. Fehlende persönliche Treffen mit Verwandten oder Freunden und Angst, dass Angehörige oder Freunde an Corona erkranken, wurden als Hauptbelastungsfaktoren empfunden. Bei Berufstätigen wurde zudem auch häufig über vermehrten Stress am Arbeitsplatz berichtet.

Besonders gestresst fühlten sich Eltern mit mindestens einem Kind, die im Home Office arbeiten. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) dieser Gruppe gaben im März an, stark oder sehr stark durch die Pandemie belastet zu sein. Bei der ersten Erhebung im Mai 2020 waren es 45 Prozent. Berufstätige im Home Office ohne Kinder fühlten sich hingegen weniger gestresst. An beiden Befragungszeitpunkten gaben nur 31 Prozent der Beschäftigten an, stark oder sehr stark durch die Corona-Situation belastet zu sein. Von den Berufstätigen, welche in Präsenz arbeiten, gaben knapp die Hälfte (46 Prozent) der Befragten an durch die Pandemie belastet zu sein. Das gilt sowohl für die Beschäftigten mit als auch diejenigen ohne Kinder.

Essentiell ist daher weiterhin das Schaffen einer gesunden Arbeitsumgebung, ob im Büro oder im Home Office. Unternehmen können sich dabei auch von der TK Unterstützung im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements holen. Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK: „Dabei geht es nicht nur um einen ergonomischen Arbeitsplatz und eine reibungslose IT. Die viel größere Herausforderung ist es, auch auf die Entfernung eine wertschätzende, vertrauensvolle und transparente Arbeitskultur zur verankern. Das sind entscheidende Faktoren für Motivation, Zufriedenheit und Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“

Die zunehmende Belastung in der Bevölkerung im Verlauf der Corona-Pandemie wurde auch von einer Langzeitstudie des psychologischen Instituts der Technischen Universität Chemnitz, die in Kooperation mit der TK durchgeführt wurde, festgestellt. Die sozialen und beruflichen Herausforderungen haben den Stress der Menschen dauerhaft erhöht; gleichzeitig war es durch die Maßnahmen im Lockdown kaum möglich, die eigenen Ressourcen wieder aufzufüllen, beispielsweise durch Reisen, Sport- und Kulturveranstaltungen oder Treffen im Freundeskreis. Laut Studienleiter Professor Dr. Bertholt Meyer» kann dieses Ungleichgewicht auf Dauer zur Erschöpfung und in schweren Fällen zum Burnout führen. Auch Angebote zu Stressmanagement und individueller Ressourcennutzung sind Bestandteil eines umfassenden und nachhaltigen Gesundheitsmanagements in Unternehmen und helfen bei der Prävention von Erschöpfungszuständen.

Bessere Prävention: Bundesweite Rahmenvereinbarung von BG Bau und Innungskrankenkassen

Die Innungskrankenkassen BIG direkt gesund, IKK Brandenburg und Berlin, IKK classic, IKK gesund plus und IKK Südwest und die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) haben eine Rahmenvereinbarung zur Kooperation auf Bundesebene geschlossen. Damit werden die jeweiligen Angebote in den Bereichen Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung im Betrieb langfristig besser verzahnt. Durch die Abstimmung von bisher getrennt angebotenen Maßnahmen sollen insbesondere kleinere Betriebe im Bau- und Reinigungsgewerk profitieren. Zudem sollen gegenseitig anschlussfähige Angebote gemeinsam entwickelt werden. Damit werden auch Vorgaben des 2015 in Kraft getretenen Gesetzes zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention verstärkt umgesetzt.

In einer gemeinsamen Pressemitteilung» des IKK e.V., der Interessenvertretung der Innungskassen auf Bundesebene, und der BG Bau betonen beide die Wichtigkeit ihres gemeinsamen Anliegens, Präventionsangebote gerade für Kleinbetriebe aus dem Handwerk zielgenau zu entwickeln und durchzuführen. Die Form der Zusammenarbeit in der Rahmenvereinbarung der Innungskassen mit der Berufsgenossenschaft ermögliche hier ein starkes Bündnis.

Foto: IKK e.v. | Fotograf: Boris Trenkel
Hansjörg Schmidt-Kraepelin, Hauptgeschäftsführer BG BAU (li.) und Kai Swoboda, stellv. Vorstandsvorsitzender IKK classic (re.).

Corona-Impfung im Betrieb: Gute Vorbereitung, wenige Impfdosen

Nachdem am 07. Juni die Betriebsärzt*innen in die Corona-Impfungen starten konnten, ergibt sich ein gemischtes Bild. Laut Tagesschau» haben viele Unternehmen eine großartige Infrastruktur aufgebaut, beispielsweise die Deutsche Telekom, die bundesweit 18 eigene Impfstraßen eingerichtet hat und damit etwa 10.000 Impfungen pro Woche durchführen könnte. Insgesamt haben 6.300 Betriebsärzt*innen Impfstoff bestellt, nach deren Anzahl pro Unternehmen sich auch die Verteilung der Dosen richtet. Allerdings berichtete bereits das Handelsblatt» über die geringen Lieferungen: so erhielt die Allianz statt der bestellten 12.500 Dosen nur 3.200, Bayer 3.000 anstatt der bestellten 20.000. BMW konnte in der ersten Woche immerhin etwa 5.000 Mitarbeiter*innen impfen. In der zweiten Woche kam noch weniger Impfstoff bei den Unternehmen an.

Die weiterhin starke Verknappung setzt das auch außerhalb der Betriebsimpfungen bestehende Verteilungsproblem nun fort und stellt die Unternehmen vor die Herausforderung, unter den impfwilligen Mitarbeiter*innen auswählen zu müssen. Der Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte, Wolfgang Panter, plädiert daher für die Orientierung anhand des individuellen Risikos, beispielsweise durch notwendige Reisen im Außendienst oder vielen Kontakten. Unternehmen wie die Deutsche Post oder RWE haben allerdings keine Priorisierung mehr vorgesehen. Der Immobilienkonzern Vonovia wiederum setzt auf einen Zufallsgenerator für die Impfangebote, der allerdings Mitarbeiter*innen mit direktem Kontakt hervorhebt.

Die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) führt im Rahmen des Projekts „Gesund arbeiten in Thüringen“ gemeinsam mit der BARMER derzeit Impfaktionstage an drei Standorten durch, an denen kleine und mittlere Betriebe ihre Mitarbeiter*innen impfen lassen können, die nicht über eigene Betriebsärzt*innen verfügen. Insgesamt haben sich 30 Unternehmen und über 600 Beschäftige für die Aktion angemeldet. „Die deutsche Wirtschaft ist stark durch den Mittelstand mit vielen kleinen Betrieben und mittelgroßen Unternehmen geprägt. Umso wichtiger ist es, gerade die Beschäftigten dort in die Impfkampagne einzubeziehen und im größten Präventionssetting unserer Gesellschaft, der Arbeitswelt, durch niederschwellige Angebote einen großen Teil der Bevölkerung zu erreichen,“ kommentiert DGAUM-Hauptgeschäftsführer Dr. Thomas Nesseler».

Das hohe Interesse an der Impfung durch die Betriebsärzt*innen, ob im eigenen Unternehmen oder im Rahmen von Netzwerken wie in Thüringen, zeigt die hohe Relevanz von Gesundheitsbewusstsein und –kommunikation im betrieblichen Rahmen. Trotz aller Schwierigkeiten mit der ausreichenden Versorgung mit Impfstoffdosen oder beunruhigenden Einzelfällen von unseriöser Geschäftemacherei» sind das Vertrauen in die medizinische Versorgung vor Ort sowie die Praktikabilität des Angebots wichtige Faktoren in der Herausforderung, möglichst viele Menschen mit Gesundheitsangeboten zu erreichen.

Suchtgefahr im Home Office

Home Office ist die effektivste Form der Kontakteinschränkung in der Arbeitswelt, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Dennoch gehen damit auch unterschiedlich starke Belastungen für die Arbeitnehmer*innen einher. Eine Untersuchung des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit und des Klinikums Nürnberg» hat aber bereits im Sommer die Folgen aufgezeigt: viele Menschen greifen eher zu Alkohol und anderen Drogen oder verfallen dem Online-Glücksspiel. Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter*innen schützen und unterstützen?

Der anonymen Umfrage zufolge, an der sich 3200 Teilnehmer*innen beteiligt hatten, konsumieren 37 Prozent der Befragten mehr Alkohol als vor der Corona-Krise. Gründe dafür sind Stress, Vereinsamung, Selbstmedikation bei Schlafproblemen oder auch der Rückfall in eine bereits bestehende Sucht. Auch Medikamenten-, Glücksspiel- und Drogensucht treten vermehrt auf».

Unternehmen können insbesondere durch klare Kommunikation, beispielsweise zur wirtschaftlichen Situation oder zur voraussichtlichen Dauer von Kurzarbeitsregelung, sowie flexibler Unterstützung für Eltern mit Kindern im Homeschooling ihre Mitarbeiter*innen unterstützen. Ein wichtiger Punkt ist auch die soziale Kontrolle, die im Home Office oft wegfällt»: gemeinsame Tagesstarts- oder Mittagsmeetings mit den Kolleg*innen und das ernsthafte Interesse von Führungskräften, die sich nach dem Befinden erkundigen, können aus der Isolation heraushelfen. Viele Unternehmen arbeiten auch mit Beratungen zusammen, die bei akuten Problemen helfen oder Hilfe vermitteln können. Wo es ein solches Angebot noch nicht gibt, kann die aktuelle Lage ein guter Anstoß sein, über eine Implementierung nachzudenken.